In Gedenken an die Opfer des „NSU“ – für Wahrheit und Gerechtigkeit

In Gedenken an die Opfer des „NSU“ – für Wahrheit und Gerechtigkeit

23. Juni 1999: In der Gaststätte Sonnenschein explodiert ein Sprengsatz und verletzt den Pächter. Nur mit viel Glück überlebt er den heimtückischen Anschlag.

9. September 2000: Enver Şimşek wird an seinem Blumenstand in Nürnberg niedergeschossen und sterbend zurückgelassen.

19. Januar 2001: Eine als Christstollendose getarnte Bombe explodiert in einem Lebensmittelgeschäft in der Kölner Probsteigasse und verletzt die Tochter des Inhabers schwer.

13. Juni 2001: Abdurrahim Özüdoğru wird in seiner Nürnberger Änderungsschneiderei mit zwei Kopfschüssen ermordet.

27. Juni 2001: Nur wenige Tage später wird Süleyman Taşköprü im Laden seines Vaters mit drei Schüssen ermordet.

29. August 2001: Habil Kılıç wird in seinem Münchner Obst- und Gemüseladen erschossen.

25. Februar 2004: Mehmet Turgut stirbt in seinem Imbiss-Laden durch drei Kopfschüsse.

9. Juni 2004: Explodiert in der Kölner Keupstraße eine Nagelbombe und verletzt mindestens 22 Menschen. Die Wucht der Explosion verwüstet die belebte Einkaufsstraße, wie durch ein Wunder wird niemand getötet.

9. Juni 2005: Genau ein Jahr nach dem Nagelbombenanschlag in Köln, stirbt İsmail Yaşar, getroffen von fünf Schüssen in seinem Imbiss-Laden in Nürnberg.

15. Juni 2005: Nur ein paar Tage später, wird Theodoros Boulgarides in seinem Schlüsseldienst in München ermordet.

4. April 2006: Wird in Dortmund Mehmet Kubaşık in seinem Geschäft getötet.

6. April 2006: Stirbt Halit Yozgat getroffen von zwei Kopfschüssen in seinem Internetcafé in Kassel.

25. April 2007: Die Polizist*innen Michèle Kiesewetter und Martin A . werden in ihrem Streifenwagen niedergeschossen. Martin A. überlebt schwer verletzt, seine Kollegin Michèle Kiesewetter stirbt an diesem Tag.

Es sind diese Namen, die uns für immer im Gedächtnis bleiben werden. Es sind die Namen von Eltern und Kindern, Geschwistern und Freunden, von Menschen, die durch ihren Tod eine große Lücke bei allen hinterlassen haben, die sie kannten.

Vier dieser Morde und zwei Sprengstoffanschläge fanden im Monat Juni statt, Grund genug in diesem Juni 2020 der Opfer und Familien dieser und all der anderen Taten zu gedenken und sich zu erinnern. Wir trauern mit den Angehörigen und den Überlebenden, wir fühlen den Schmerz und die Wut und wir werden dafür sorgen, dass niemand von ihnen vergessen wird.

Zum Gedenken gehört es auch, dass wir uns erinnern, wer die Verantwortung für dieses bis heute andauernde Leid trägt.

Da sind zum einen die Täter*innen, deren Namen schon viel zu oft in der Öffentlichkeit kursierten und die sich selbst als „NSU“ bezeichneten. Wie viele Personen zu diesem „NSU“ gehörten und wie viele ihn unterstützten, ist bis heute nicht abschließend geklärt. Doch wir wissen mit Sicherheit, dass es mehr als die drei Bekanntesten waren und deutlich mehr als jene, die von 2013 bis 2018 in München vor Gericht standen. Wir wissen es gab lokale Unterstützerinnen, die vermutlich Tatorte auswählten und auskundschafteten. Wir wissen, es gab ein ganzes Netzwerk von Personen, das Waffen, Sprengstoff, Papiere, Geld und Verstecke organisierte. Wir kennen von vielen die Namen und wissen dennoch, dass die meisten von ihnen bis heute keine Strafen für ihre Taten erhalten haben.

Es war der Rassismus und die faschistische Ideologie der Täter*innen und Unterstützer*innen des „NSU“, der sie zu ihren Taten führte. Rassismus war es, der dafür sorgte, dass sie Bomben bauten und Menschen erschossen. Wir wissen nur all zu gut, dass diese Ideologie bis heute unsere Gesellschaft vergiftet und zu immer neuem Leid und Tod führt.

Es war aber nicht nur der Rassismus der Täter*innen und ihrer Unterstützer*innen, der den Opfern und Angehörigen so viel Leid zugefügt hat. Es war der persönliche, der institutionelle und auch der strukturelle Rassismus in Staat und Gesellschaft, der die Betroffenen mit falschen Anschuldigungen, endlosen Schikanen und diffamierenden Begriffen quälte. Polizist*innen, die das Wissen der Opfer und ihrer Angehörigen über Rassismus ignorierten und sogar unterdrückten, um stattdessen ihre wilden Thesen von organisierter Kriminalität und ethnischen Konflikten über Jahre hinweg zu verfolgten.

Geheimdienstler*innen, die eine Neonaziszene mit aufbauten, in der irren Vorstellung, sie durch V-Personen kontrollieren zu können und dann ihr Wissen nicht einsetzten, um Verbrechen zu verhindern und aufzuklären. Ein Richter, der den Angehörigen in der Verhandlung keine Empathie entgegenbringt, sondern ihnen den Mund verbietet, der es in seiner Urteilsbegründung nicht schafft, die Opfer auch nur in einem Satz als Individuen zu beschreiben, sondern sie stattdessen mit den gleichen Zuschreibungen wie die Täter*innen betitelt. Journalist*innen, die noch während der Mordserie alles kritiklos verbreiten was die Polizei ihnen sagte und obendrein solch widerliche Begriffe wie „Dönermorde“ prägten.

Politiker*innen die in verantwortlichen Positionen dafür Sorge tragen, dass keine Behördenmitarbeiter*innen und nicht mal die V-Personen zur Rechenschaft gezogen werden und stattdessen alles dafür tun, eine Aufklärung der Verbrechen zu verhindern.

Es sind zum einen die persönlichen Taten vieler, aber zum anderen die strukturellen Missstände in den Behörden, welche die Taten des NSU ermöglicht haben.

Es wurden und werden so viele Menschen erniedrigt, verletzt und ermordet, weil Rassist*innen und Faschisten*innen der Meinung sind, es stünde ihnen zu, Menschen in wertvolles und „unwertes“ Leben einzuteilen. So viele Menschen werden täglich Opfer von Rassismus und warten vergebens auf Schutz oder Gerechtigkeit durch den Staat. Um diesem Leid endlich ein Ende zu setzen, müssen wir den individuellen Rassismus in den Köpfen, den strukturellen Rassismus in der Gesellschaft und auch den institutionellen Rassismus in den Behörden entschieden bekämpfen. Unser Projekt versucht einen Beitrag dazu zu leisten, indem wir Aufmerksamkeit für das Problem von Rassismus in den Behörden schaffen. Dabei spielen die Erkenntnisse aus dem NSU-Komplex eine wichtige Rolle für uns, denn hier wurde deutlich, wie groß das Problem ist und dass es sich nicht durch die Behörden selbst lösen lässt. Daher ist es wichtig, Wissen über die Skandale in den Behörden zu sammeln, die strukturellen Probleme zu analysieren und gemeinsam den Druck für die nötigen Veränderungen zu erzeugen. Wir als Gesellschaft sind es den Opfern und ihren Angehörigen schuldig, die Zustände zu beenden, die zu ihrem Leid geführt haben und dafür zu sorgen, dass es nie wieder geschieht.

Es liegt in unseren Händen, das Leiden zu beenden und für eine gerechte Gesellschaft zu kämpfen.